Brief des Windes
Ein kleines Blatt trägt eine Botschaft durch die Luft – und verändert den Tag einer ganzen Straße. (4-8 Jahre, 2 Min.)
Am Fuß eines hohen Berges lag ein kleines grünes Blatt. Es hieß Tulpe, weil es ein bisschen so aussah wie die Blüte einer Tulpe, mit einer runden Spitze und einem sanften Schwung.
Eines Morgens kam der Wind vorbei und flüsterte: „Tulpe, ich habe eine Aufgabe für dich. Würdest du eine Nachricht zu einem Kind im Tal bringen?“
„Ich?“, fragte das Blatt. „Aber ich bin doch so klein.“
„Gerade deshalb“, sagte der Wind. „Kleine Boten kommen überall hin.“
Und dann hob er Tulpe sanft in die Luft. Das Blatt segelte über Wiesen und Felder, über einen glitzernden Bach und über die roten Dächer eines Dorfes. Es tanzte, drehte sich und kitzelte die Wolken im Vorbeiflug.
Schließlich landete es in der Hand eines Jungen namens Ben, der gerade auf dem Weg zur Schule war. Ben hob das Blatt auf und sah, dass etwas daraufgeschrieben stand, in feiner, geschwungener Schrift: „Schenke heute jemandem ein Lächeln.“
Ben überlegte. Dann bemerkte er die alte Nachbarin, die am Fenster saß und hinaussah. Er winkte ihr zu und lächelte. Die Nachbarin lächelte zurück, überrascht und ganz warm.
Sie winkte dem Postboten zu, der gerade vorbeikam, und der pfiff gleich ein fröhliches Lied. Das hörte die Bäckerin, und sie legte jedem Kind ein Brötchen mehr in die Tüte.
Den ganzen Tag über wurde die Straße ein kleines bisschen freundlicher.
Der Wind sah von oben zu und nickte zufrieden. Er wusste: Oft braucht es nur eine kleine Nachricht, und schon wird die Welt ein bisschen heller.